Am Aktionstag am 19. Februar hat unser 1. Vorsitzender Jörg Schmidt teilgenommen und berichtet:

„Die 300 angemeldeten Kollegen versammelten sich und gingen vor der Sitzung auf einen spontanen Demonstrationszug um die Tweede Kamer. Auch die Medien sind vor Ort und berichten.

In einer noch nie da gewesenen Breite und Tiefe wurde unter Mitwirkung der parlamentarischen Opposition im Rechtsausschuss erörtert, welche Missstände im staatsnahen Dolmetscherwesen bestehen und welche Reformen nötig sind, um Abhilfe zu schaffen.

Das Interesse und Engagement der betroffenen NL-Kollegen war so groß, dass im Parlament ein neuer Besucherrekord aufgestellt wurde. Es mussten zusätzliche Kapazitäten frei gemacht werden, um alle anwesenden Kollegen als Zuhörer unterzubringen. 

Deswegen konnte auch ich trotz früher Anmeldung die Anhörung nur am Bildschirm im Nachbarraum verfolgen.

Die Opposition setze dem Minister mit vielen kritischen Fragen recht zu, der durch seine sehr allgemeinen und ausweichenden Antworten eine große Konzeptlosigkeit offenbarte. Seine Verteidigung beruhte im Wesentlichen darauf, die Forderung der Sprachmittler nach Qualität pro forma zu unterstützen, im Gegenzug aber ein Monitoring vorzuschlagen, an dem sich die Sprachmittler jedoch aktiv beteiligen müssten. 

Unser niederländischer Kollege mr. drs. F.B. Dijkstra, Registerdolmetscher und -übersetzer für die Sprachen Deutsch, Friesisch und Niederländisch, schreibt uns am 6. Februar 2020:

Das Aktionsbündnis der niederländischen Registerdolmetscher und -übersetzer (kurz: Actiegroep) ist vergangene Woche im Anschluss an den einwöchigen Ausstand Anfang Januar für weitere vier Tage in den Streik getreten. Alle Teilnehmer haben in diesem Zeitraum keinerlei Aufträge von der Justiz, der Polizei und anderen staatlichen Behörden angenommen. Das bedeutete, dass in den Niederlanden weder telefonisch noch vor Ort für die Polizei gedolmetscht wurde, ebenso wenig bei Zuführungen und Gerichtsverhandlungen oder Haftprüfungen und auch nicht für die Ämter für Migration und Flüchtlinge. Diese Aktion hat bei Behörden und Gerichten offenbar große Probleme verursacht und war somit sehr wirkungsvoll. Es mussten nämlich Dolmetscher aus Belgien geholt und viele unvereidigte Dolmetscher geladen werden. Kollegen erhielten an diesen Tagen auch über die großen Vermittlungsagenturen Anfragen für die bestreikten Dienste, woraus das Aktionsbündnis schließen kann, dass die Dolmetschergeschäftsstellen der Justiz keine Dolmetscher finden konnten. Unsere Streikaktionen waren demnach eindeutig erfolgreich.

Am 19. Februar 2020 findet von 16.30 bis 19.30 Uhr eine Parlamentsdebatte mit dem niederländischen Minister für Justiz und Sicherheit, Herrn Prof. Mr. Dr. Grapperhaus, statt. Noch nie zuvor hat unsere Berufsgruppe im Parlament derart große Beachtung gefunden. Für die niederländischen Registerdolmetscher und -übersetzer wird dieser Tag daher auch der große AKTIONSTAG sein. Es heißt nun: Jetzt oder nie!

Das Aktionsbündnis hat alle in den Niederlanden ansässigen Registerdolmetscher und -übersetzer aufgerufen, an dem Tag in Scharen nach Den Haag zu kommen, um gegen die Pläne des Ministers zu demonstrieren und entsprechend auch keine Aufträge im staatsnahen Dolmetschwesen anzunehmen. Wir demonstrieren an diesem Tag gegen das Vorhaben, Personen auf B2-Sprachniveau in das Register der vereidigten Dolmetscher und Übersetzer aufzunehmen, was einen Verstoß gegen die europäische Richtlinie 2010/64/EU darstellen und den Rechtsstaat untergraben würde. Außerdem fordern wir eine Angleichung der niederländischen Honorarsätze an die in Deutschland nach JVEG geltenden Tarife, die Einführung der Normzeile(!) sowie den Verzicht auf die Einführung von Ausschreibungsverfahren betreffend die staatliche Beschaffung von sprachmittlerischen Dienstleistungen.

Alle Kollegen aus Deutschland, die uns in Den Haag bei unserer Demonstration unterstützen wollen, sind herzlich willkommen. Wir treffen uns am 19. Februar um 14.00 Uhr in Den Haag vor dem Gebäude der Zweiten Kammer an der Adresse Plein 2. Wir haben vor, dem Minister dann auch unsere Resolution mit über 3.000 gesammelten Unterschriften offiziell zu überreichen. Wir hoffen auf mindestens 1.000 Demonstranten – am liebsten natürlich mehr. Wenn Sie uns durch Ihre Teilnahme unterstützen wollen, melden Sie sich bitte über diesen Link an. Machen Sie sich bewusst, dass es unsere Berufsgruppe auch in Ihrem Land vorwärtsbringen würde, wenn wir mit unserer Aktion in unserem Land eine Reform anschieben könnten!

Noch ein wichtiger Hinweis: Wer am 19.02. ins Gebäude der Zweiten Kammer will, muss sich ebenfalls anmelden, und zwar hier. Es dürfen ca. 50 Leute in den Saal, der Rest muss im Foyer bleiben und kann die Debatte über Bildschirme verfolgen.

Meldung vom 16. Januar 2020

Die vereidigten BerufskollegInnen in den Niederlanden fühlen sich vom Staat seit Langem verraten und verkauft. Doch nun haben sie genug. Für sie ist das Maß endgültig voll. Seit dem 13. Januar bestreiken erstmals in der Geschichte mindestens 1.500 von 2.600 der in den Niederlanden amtlich registrierten BerufskollegInnen sämtliche staatlichen Stellen des Landes, darunter insbesondere die Justizorgane. Zur Vorbereitung und Durchführung des Streiks hatte sich eine Aktionsgruppe von KollegInnen („Actiegroep Registertolken en -vertalers“) gebildet. Grund für den Ausstand sind seit Jahrzehnten bestehende und sich zukünftig womöglich noch weiter verschärfende Missstände im Zusammenhang mit der Beauftragung und Vergütung von vereidigten Sprachmittlern durch den niederländischen Staat.

Laut der Actiegroep soll der Streik zunächst eine Woche andauern, jedoch erforderlichenfalls so lange verlängert werden, „bis sich der Minister mit uns zu Gesprächen an den Tisch setzt“. Der gesamte Vorgang hat es auch bereits in die nationalen Medien geschafft. Lesen Sie hier (in dt. Übersetzung), was zum Beispiel auf dem Nachrichtenportal twnews.nl zu dem Sprachmittlerprotest berichtet wird.

Die KollegInnen in unserem Nachbarland haben mit strukturell sehr ähnlichen Problemen wie wir hier in Deutschland zu kämpfen, allerdings ist die vom niederländischen Staat angebotene und bezahlte Vergütung noch niedriger als in Deutschland und soll durch die Einführung eines zentralisierten Ausschreibungssystems sogar noch weiter gesenkt werden.

Auch in den Niederlanden ist das Verhältnis zu den für den Staat tätigen SprachmittlerInnen also in erster Linie durch fiskalische Interessen und staatliche Kostendämpfungsbestrebungen geprägt, während die Sicherstellung einer qualitativ hochwertigen und rechtlichen Vorgaben genügenden Sprachmittlung in der Rechtspflege und darüber hinaus als absolut nachrangig behandelt sind.

Die Actiegroep hat neben einem berufspolitischen Manifest eine Protestresolution und einen Forderungskatalog betreffend eine angemessene Vergütung von für den Staat tätigen Sprachmittlern verfasst. Erfahren Sie hier (in dt. Übersetzung) Einzelheiten zu den kritisierten Missständen und den Forderungen der KollegInnen in Holland.

Der ADÜ Nord e. V. erklärt sich mit den obigen Anliegen der in den Niederlanden streikenden BerufskollegInnen solidarisch und unterstützt ihren Einsatz für bessere berufliche Rahmenbedingungen ausdrücklich. Folgen Sie unserer baldigen weiteren Berichterstattung.